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Mittwoch, 15. Juli 2015Antisemitische Ressentiments nach Vortrag über „Givat Haviva“

Kommentar von Matthias Blöser

Am 26. Juni 2015 referierte Torsten Reibold, Europarepräsentant der Bildungs- und Begegnungsstätte Givat Haviva, in der Frankfurter Gemeinde St. Gallus über neue Wege ziviler Kooperation in Israel. Auf Einladung der Projektgruppe Zivile Konfliktbearbeitung Rhein-Main stellte Reibold den Ansatz von Givat Haviva vor und diskutierte anschließend mit den Gästen. Ein über E-Mails verbreiteter Bericht nach der Veranstaltung sorgte für Irritationen. Givat Haviva, Bildungs- und Begegnungsstätte auf halber Strecke zwischen Tel Aviv und Haifa, engagiert sich bereits seit 1949 als größte israelische Einrichtung im Bereich der jüdisch-arabischen Verständigungsarbeit aktiv für eine friedliche und inklusive Gesellschaft. Lange fokussierte sich die Arbeit auf die Organisation von Begegnungen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen, insbesondere zwischen jüdischen und arabischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern Israels. Sprachkurse und Impulse für eine Koexistenz reichen angesichts der gravierenden sozioökonomischen Ungleichheit zwischen jüdischen und arabischen Israelis nicht aus. Deshalb hat Givat Haviva ein Shared-Communities-Programm entwickelt. Es soll die praktische Kooperation von mehrheitlich jüdischen mit mehrheitlich arabischen Kommunen in Israel zum beiderseitigen Vorteil fördern. Die ersten Partnerschaften entstanden im Wadi Ara, einer Region nahe Haifa, die in der Diskussion für einen möglichen Landtausch im Rahmen einer Friedenslösung zwischen Israel und Palästina stand. Das Projekt bindet die Bürgerinnen und Bürger durch Plenumsversammlungen ein und bietet Workshops für Empowerment (Ermächtigung), interkulturelle Kommunikation und Konfliktpädagogik an. In seinem Vortrag unterstrich Torsten Reibold wichtige praktische Erfolge des Shared-Communities-Ansatzes zur Verbesserung der Lebensbedingungen im Wadi Ara: jüdisch-palästinensische Zusammenarbeit im Tourismus, bei Gewerbegebieten, Abwassermanagement und Müllentsorgung und sogar die denkbar schwierige Einigung in Landfragen. Die Ausführungen des Referenten stießen auf großes Interesse bei den Teilnehmenden und führten zu einer ausführlichen und kritischen Diskussion über Chancen und Grenzen eines Ansatzes, der sich aktuell auf die kommunale Ebene konzentriert. Insgesamt wurde das Modellprojekt als wichtiger Baustein für bessere Lebensbedingungen und größere Teilhabe vor Ort gewürdigt.

 

Hinsehen ohne Scheuklappen kann hilfreich sein

Das Publikum in Frankfurt ließ sich auf den Ansatz ziviler Kooperation ein, ohne darüber den gesamten israelisch-palästinensischen Konflikt lösen zu wollen. Wenn es um Israel geht, ist das nicht selbstverständlich, wie sich an den Reaktionen nach der Veranstaltung zeigte: Ein an einen großen E-Mail-Verteiler versandter Bericht einer Person, die die Veranstaltung zur Pause verließ und so die Diskussion gar nicht verfolgen konnte, führte zu mehreren E-Mails an pax christi Limburg und pax christi Deutschland. Das Ziel war eindeutig: Es ging darum, pax christi dafür zu kritisieren, einem aus Sicht der KritikerInnen proisraelischen Vertreter ein Forum geboten zu haben. Hintergrund ist vermutlich die Außenwahrnehmung von pax christi insbesondere durch die Obsttütenaktion: VerfechterInnen einer BDS-Strategie (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen) gegen Israel haben offenbar die Chance gesehen, pax christi dazu zu drängen, keine aus ihrer Sicht Israel-nahen Referentinnen und Referenten einzuladen. So sehr ich die Suche nach gewaltfreien Widerstandsformen in Israel und Palästina schätze, so wenig bin ich für eine Strategie der öffentlichen Ächtung aller israelischen Stimmen, die nicht die alleinige Schuld für den Konflikt bei Israel sehen. Je länger ich mich mit der „Kritik“ an unserer Veranstaltung auseinandergesetzt habe, desto klarer wurde, dass israelfeindliche bis hin zu antisemitischen Positionen vertreten wurden. Es fiel der Satz, dass man uns keine Veranstaltung verbieten wolle – man sei ja kein Israeli. Aus meiner Sicht sind die konkreten Erfolge des Shared-Communities-Ansatzes vor Ort beachtlich, erst recht angesichts des Stillstandes des israelisch-palästinensischen Friedensprozesses und der Rechtsentwicklung in der israelischen Regierungspolitik. Ich sehe nicht ein, warum die arabischen/palästinensischen Israelis auf eine ferne Friedenslösung vertröstet werden sollen, nur damit die BDS-AkteurInnen deren ungleiche Lebensbedingungen als Kritikpunkt gegen Israel anführen können. Auch die Frage der Gewaltfreiheit stellte sich in der Korrespondenz. Die Kritik lautete, der Referent habe davon gesprochen, den Protest gegen den letzten Gaza-Krieg erfolgreich „gedämpft“ zu haben. Tatsächlich ging es um einen gemeinsamen öffentlichen Aufruf jüdischer und arabischer BürgermeisterInnen, die Fortschritte in der praktischen Kooperation in der Wadi-Ara-Region nicht durch Gewalt auf der Straße zu gefährden. Es wäre doch irritierend, wenn die Friedensbewegung gewaltsame Proteste und Ausschreitungen begrüßen würde! Wir sollten vielmehr auf bessere Lebensbedingungen für alle Menschen hinwirken, also auch für alle Bewohnerinnen und Bewohner Israels und Palästinas. pax christi Limburg übt deutliche Kritik an der israelischen Besatzung (zuletzt im Impuls von Peter Hofacker in der letzten Ausgabe der pax christi-Zeitschrift). Wir werben für eine Friedenslösung für Israel-Palästina, die die Besatzung beendet und ein friedliches Zusammenleben aller Menschen in der Region ermöglicht. Das heißt aber nicht, dass wir mit allen Gruppen und Initiativen zusammenarbeiten können, die scheinbar auch für Frieden streiten, aber in Wirklichkeit Israel das Existenzrecht absprechen wollen oder andersherum allein die Palästinenserinnen und Palästinenser in der Pflicht sehen und ausschließlich die Politik der israelischen Regierung verteidigen. Mir zeigen diese Auseinandersetzung und die Erfahrungen mit dem Friedenswinter, wie wichtig eine intensive Konfliktanalyse und solidarische Diskussion mit klarer Haltung gegen Antisemitismus, antipalästinensischen Rassismus und andere menschenfeindliche Positionen sind auf der Suche nach Frieden und Gerechtigkeit.

Matthias Blöser ist Friedensarbeiter von pax christi im Bistum Limburg und Mitglied der Projektgruppe Zivile Konfliktbearbeitung Rhein-Main

 

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der pax christi-Zeitschrift für das Bistum Limburg 3/2015, abrufbar unter http://pax-christi.de/publikationen/pax-christi-zeitschrift/ oder zu bestellen in der pax christi-Geschäftsstelle:
pax christi im Bistum Limburg, Dorotheenstraße 11, 61348 Bad Homburg, Tel.: 0 61 72 92 86 79, Fax: 0 61 72 67 33 40, Handy: 0177 2 80 48 78, E-Mail: friedensarbeiter@pax-christi.de 


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